„Auf ins nächste Jahrhundert“ - Geschichte und Gegenwart der SAC

Die SAC (Sveriges Arbetares Centralorganisation) gilt als die einzige auf anarchosyndikalistischen Prinzipien gegründete Gewerkschaft, welche die letzten hundert Jahre ohne Verbot, Vertreibung oder Spaltung überlebt hat. Gegenwärtig erfährt die SAC wieder einen Aufschwung und steigende Mitgliedszahlen. Im Herbst dieses Jahres findet der dreißigste Kongress der Organisation statt. Ein guter Grund, einen Blick auf die Geschichte und Gegenwart des Syndikalismus in Schweden zu werfen.

 

Gegründet wurde die SAC 1910 als Folge der Enttäuschungen vieler ArbeiterInnen über das Verhalten des schwedischen Gewerkschaftsverbandes Landsorganisationen (LO) während des „Großen Streiks“ 1909, der nach mehreren Monaten mit kaum nennbaren Erfolgen für die Arbeiterschaft zu Ende ging.

Treibende Kräfte bei der Gründung waren die sogenannten „JungsozialistInnen“ (Ungsocialisterna), die 1908 aus der Sozialdemokratischen Partei ausgetreten waren und einen anarchistischen Kurs einschlugen. Als Vorbilder dienten die Confédération Générale du Travail (CGT) und die Industrial Workers of the World (IWW) mit ihren föderalistischen und klassenkämpferischen Prinzipien.

Die frühesten Mitglieder der SAC kamen aus der Forstwirtschaft, der Steinmetzerei und dem Bergbau. 1922 wurde die bis heute bestehende Zeitung Arbetaren (Der Arbeiter) gegründet, die bis 1958 als Tageszeitung erschien und seither als Wochenzeitung herausgegeben wird. Im selben Jahr schloss sich die SAC der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) an. Die höchsten Mitgliedszahlen wurden Mitte der 1920er Jahre mit mehr als 35.000 Personen erreicht.

Während des Zweiten Weltkriegs, als in Schweden ein Notstandskabinett regierte, wurde die SAC stark geschwächt. SAC-Mitglieder zählten zu den stärksten KritikerInnen der schwedischen Kollaborationspolitik mit Deutschland, die erst 1942 ihr Ende nahm. Arbetaren wurde wiederholt beschlagnahmt und SyndikalistInnen mit anderen Linken in Arbeitslager geschickt. Trotzdem überstand die SAC die Kriegsjahre relativ unbeschadet, vor allem im Vergleich zu syndikalistischen Organisationen, die von faschistischen Regimes aufgerieben oder ins Exil gezwungen wurden. Somit kam der SAC auch eine zentrale Rolle in der internationalen syndikalistischen Bewegung zu. Das Sekretariat der IAA, das bereits 1938 nach Stockholm übergesiedelt war, blieb bis 1953 dort ansässig.

Nachkriegsentwicklung

In den 1950er Jahren kam es zu bedeutenden Änderungen in der SAC. Ein einflussreicher Kreis um den deutschen Exilanten Helmut Rüdiger, der nach der Niederlage der Spanischen Revolution nach Schweden gekommen war, initiierte die sogenannte „Neuorientierung“ (nyorientering). Diese zielte darauf ab, die SAC zu einer gewerkschaftlichen Alternative für breite Arbeiterschichten zu machen. Viele sahen die damit einhergehenden Reformen jedoch als Verrat an syndikalistischen Grundprinzipien, auch international. Als sich die SAC 1958 zur Beteiligung an einer staatlich verwalteten Arbeitslosenkasse entschloss, kam es zur Trennung von der IAA.

Ende der 1960er Jahre änderte sich der Kurs der SAC erneut, dieses Mal aufgrund des Zulaufs von AktivistInnen, die den antiautoritären Protestbewegungen entstammten und die SAC als organisatorische Plattform für linke Agitation entdeckten. Der Arbeitsplatzkampf trat dabei immer mehr in den Hintergrund. Stattdessen konzentrierten sich viele LS auf Nuklearenergie, Gefangenenhilfe, Umweltfragen oder Feminismus. In den 1990er Jahren wurde angesichts einer gewalttätigen extremen Rechten in Schweden der Antifaschismus zentral. Dies führte 1999 zu einem der tragischsten Ereignisse in der Geschichte der SAC, als Björn Söderberg, Mitglied im Stockholmer LS, in seinem Wohnhaus von Rechtsradikalen erschossen wurde. Söderberg hatte an seiner Arbeitsstelle den Ausschluss eines organisierten Rechtsradikalen aus dem Betriebsrat durchgesetzt.

Der Kongress 2002 und die Folgen

Zur jüngsten Kehrtwende in der Geschichte der SAC kam es beim Kongress 2002. Nachdem es bereits seit langem bei vielen Mitgliedern starken Unmut über die Vernachlässigung des Arbeitsplatzkampfes gegeben hatte, kam es zu einer Reihe von Beschlüssen, die eine Rückkehr der SAC zu ihren syndikalistischen Wurzeln ermöglichen sollten: das Ausbildungsprogramm für die Organisierung am Arbeitsplatz wurde radikal erweitert, der bürokratische Apparat abgebaut und ein Bekenntnis zum Klassenkampf abgelegt. Die Veränderungen vollzogen sich nicht ohne Probleme, doch führten sie zu einer grundlegenden Erneuerung der SAC, die unter anderem auch die Mitgliedszahl wieder auf etwa 8.000 wachsen ließ.

Eine der augenscheinlichsten Konsequenzen der Erneuerung ist der deutliche Anstieg von SAC-Betriebsgruppen, die zum Teil zu wichtigen Faktoren in den Kämpfen am Arbeitsplatz geworden sind. Ein Beispiel ist die Betriebsgruppe der Stockholmer U-Bahn und Straßenbahn Driftsektionen Stockholms Tunnelbana och Spårvägar (DSTS), die 2003 gegründet wurde und sich seither als starke gewerkschaftliche Kraft im Stockholmer Transportsektor etabliert hat. Streiks der DSTS vermögen den U-Bahn-Betrieb merklich zu stören und erreichen entsprechende öffentliche Aufmerksamkeit. Die Streikanlässe reichen von Protesten gegen Entlassungen bis zu Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen.

Öffentliches Aufsehen haben vor allem auch die SAC-Kampagnen zur Unterstützung undokumentierter ArbeiterInnen erregt. Der bekannteste Fall betrifft das Nobelrestaurant und Veranstaltungszentrum Berns in der Stockholmer Innenstadt. Als der Konflikt 2007 begann, ging es um die Bezahlung ausstehender Löhne, doch bald wurde Berns auch illegaler Abkommen mit Arbeitsagenturen angeklagt, sowie der Anfertigung einer schwarzen Liste mit SAC-Mitgliedern. Es kam zu regelmäßigen Blockaden des Lokals und zu zahlreichen Verhaftungen. Gelegentlich, etwa am 1. Mai, sah sich die Eigentümerin Yvonne Sörensen Björud veranlasst, Leibwächter anzustellen und die Polizei errichtete eine Schutzzone um das Berns-Gelände. In den Medien war von „Mafiamethoden“ und „Erpressung“ die Rede und zwei bekannte schwedische Journalisten verglichen in dem Buch Syndikalisternas nya ansikte (Das neue Gesicht des Syndikalismus) die SAC gar mit der kriminellen Tätigkeit von „Motorradgangs“.

Die Organisierung undokumentierter ArbeiterInnen – deutlich der syndikalistischen Tradition der „Organisierung der Unorganisierbaren“ verpflichtet – begann 2004, als Mitglieder des Stockholmer LS eine „Gruppe der Undokumentierten“ gründeten. Mittlerweile gibt es LS, die beinahe ausschließlich aus migrantischen ArbeiterInnen, vor allem aus Lateinamerika, bestehen – Västerorts LS ist das beste Beispiel. Die Organisierung undokumentierter ArbeiterInnen hat Konsequenzen, die weit über die SAC hinausreichen. 2008 eröffnete beispielsweise der Gewerkschaftsverband LO ein „Gewerkschaftszentrum für Undokumentierte“ (Fackligt center för papperslösa). Dies wäre ohne die Pionierleistung der SAC kaum denkbar gewesen.

Internationalismus, Zusammenarbeit und Zukunft

Eine weiteres Beispiel für das Potential der SAC zu Entwicklungen breiter gesellschaftlicher Relevanz beizutragen, ist die Kampagne „Gerechter Weinhandel“ (Rättvis vinhandel), die 2010 von der Betriebsgruppe der Systembolaget-Angestellten Driftsektion för Systembolaganställda (DFSA) initiiert wurde. Das staatliche Unternehmen Systembolaget ist Inhaber des Monopols für den schwedischen Alkoholhandel und verkauft in seinen Geschäften unter anderem Wein aus Chile, Argentinien und Südafrika. Absicht der Kampagne ist es, in Zusammenarbeit mit Systembolaget und Gewerkschaften vor Ort die Arbeitsbedingungen in den Weingärten der besagten Länder zu verbessern. So fand im Juni 2011 eine Konferenz in Santiago de Chile mit VertreterInnen der chilenischen Asociación Nacional de Mujeres Rurales e Indígenas, der argentinischen Unión Socialista de los Trabajadores und der südafrikanischen Basisgewerkschaft Sikhula Sonke statt. Zu den ersten Erfolgen der Kampagne gehören die Formulierung ethischer Arbeitsrichtlinien, die Etikettierung von Weinen aus gerechtem Handel und konkrete Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in rund fünfzig Weingärten.

Auch innerhalb Schwedens setzt die SAC auf Zusammenarbeit. Trotz der Rückbesinnung auf den Arbeitsplatzkampf bleiben die Verbindungen zu anderen linken Gruppierungen und Organisationen stark. Viele ressourcenschwache Projekte stützen sich in ihrer Arbeit auf die Infrastruktur der SAC, etwa ihre Räumlichkeiten, Kopierapparate und Vereinsnummern. Die SAC lässt sich als organisatorisches Rückgrat der außerparlamentarischen Linken des Landes bezeichnen, was leider oft als selbstverständlich angesehen und nicht entsprechend gewürdigt wird – so wird die SAC gerne von autonomen AktivistInnen kritisiert, deren Arbeit sich wesentlich der Unterstützung durch die SAC verdankt.

Arbetaren erscheint nach wie vor wöchentlich und die Mitgliedszeitschrift Syndikalisten einmal im Monat. Manche der größeren LS haben auch ihre eigenen Mitgliedszeitschriften, etwa Organisera in Stockholm. Das 1922 gegründete Verlagshaus Federativ ist weiterhin die wichtigste Quelle für syndikalistische und anarchistische Literatur in Schweden. Die viermal im Jahr erscheinende Zeitschrift Direkt Aktion ist das Publikationsorgan des Syndikalistischen Jugendverbandes Syndikalistiska ungdomsförbundet (SUF), einer der SAC nahe stehenden, aber gänzlich unabhängigen Organisation.

Auch die engagierte Ausbildungstätigkeit der SAC setzt sich fort. Neben den gewerkschaftlich orientierten Kursen werden auch theoretische Debatten zum Syndikalismus gefördert. So wurde 2011 Lucien van der Walt, Mitautor von Black Flame: The Revolutionary Class Politics of Anarchism and Syndicalism, zu einer Vortragsreise eingeladen.

Am 1. Mai werden sich auch 2012 wieder Tausende von Menschen bei SAC-Demonstrationen in ganz Schweden versammeln. Der dreißigste SAC-Kongress findet Anfang September in Gävle statt. Er steht unter dem Motto „Für das zweite Jahrhundert der SAC“. Viel Glück!