„Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Diskussion“?

Am Ende der Weimarer Republik war die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) weit von ihren ursprünglichen Idealen entfernt. Die einst von Rosa Luxemburg gegründete Organisation war zu einer vollständig entdemokratisierten, vom Apparat bürokratisch beherrschten Partei geworden. Interne Diskussionen wurden weitgehend unterbunden, politische Konflikte nicht politisch, sondern organisatorisch, also durch Ausschlüsse und Repressalien „gelöst“. Kritiker belegte die Parteiführung mit Redeverboten oder entfernte sie kurzerhand aus der Partei. Für abweichende Meinungen war in der Parteipresse kein Raum mehr.

Bereits in den 1960er Jahren hat Hermann Weber aufgezeigt, dass dieser Zustand erst durch eine extreme Wandlung der Partei – Weber bezeichnet sie als „Stalinisierung“ – hergestellt werden konnte: „[Die Stalinisierung] bedeutete für die KPD den Wandel von einer Partei mit einem hohen Maß an innerer Demokratie in eine disziplinierte Organisation mit strikt zentralistischer Befehlsgewalt. Stalinisierung hieß Veränderung des inneren Aufbaus, Entstehung einer monolithischen, straff durchorganisierten, hierarchischen Partei. In ihr beherrschte die Führungsspitze mit Hilfe des Apparates [...] die Mitgliedschaft; die Politik wurde im Sinne und entsprechend den Weisungen der Stalinschen KPdSU praktiziert. [...] An die Stelle von Pluralismus, Selbstständigkeit, Diskussion und Autonomie [traten] Unterordnung, Gläubigkeit, Disziplin und Kommandoherrschaft.“ Durch die sich in den Jahren 1924 bis 1929 vollziehende Stalinisierung sei das Entwicklungspotential eines in der Anfangsphase der Partei noch dominanten „demokratischen Kommunismus“ luxemburgischer Prägung verschüttet worden, der in der Auseinandersetzung mit dem „diktatorisch-bürokratischen Kommunismus“ schließlich unterlegen sei.

In jüngster Zeit ist Webers These vielfach in Frage gestellt worden. An vorderster Front der Kritiker steht Klaus-Michael Mallmann. In seiner sozialgeschichtlich ausgerichteten Arbeit über „Kommunisten in der Weimarer Republik“ vertritt er die Ansicht, dass autoritäre Strukturen und Apparatherrschaft ein dem deutschen Kommunismus von Anfang an immanentes Phänomen gewesen seien. Er kommt zu dem Schluss: „Es bedurfte nicht Stalins, um die KPD zu ‘stalinisieren’.“ Die These vom in der Frühzeit der KPD dominanten „demokratischen Kommunismus“ luxemburgischer Prägung sei nicht haltbar: „Dass Kommunismus nie ein demokratisches Projekt war, zieht sich wie ein roter Faden durch mein Buch.“

Nicht wenige Rezensenten folgten Mallmann in diesem Punkt. So erklärt Heinrich August Winkler, Mallmann trage „überzeugende Einwände gegen Einseitigkeiten des Deutungsmusters ‘Stalinisierung’ vor. [...] Eine ‘gute’ KPD der Frühzeit einer vom Einfluss Stalins geprägten ‘schlechten’ KPD in den Jahren nach 1928 gegenüberzustellen war schon immer falsch.“ Sigrid Koch-Baumgarten nennt diesen Aspekt der Arbeit „eine überfällige Revision der klassischen These von den erstickten Ent­wicklungsmöglichkeiten eines alternativen demokratisch-luxemburgischen Früh­kom­munismus.“ Auch Andreas Wirsching – obwohl in vielen Punkten ein scharfer Kritiker Mallmanns – stimmt diesem in Bezug auf die Kritik an der Weberschen Stalinisierungsthese weitgehend zu. Sie gehöre „zu den überzeugendsten des ganzen Buches“ und komme der historischen Realität „weitaus näher als Webers These vom demokratischen, ‘luxemburgischen’ Frühkommunismus.“

Als einen entscheidenden Beleg für seine Behauptung, die KPD sei auch in ihren Anfängen keine demokratische Partei gewesen und die Wandlungsthese mithin hinfällig, führt Mallmann vor allem die Geschehnisse um den zweiten, Heidelberger Parteitag vom Oktober 1919 an. Im Vorfeld dieser illegal abgehaltenen Versammlung der jungen KPD kam es zu schweren Spannungen zwischen der Zentrale und dem linken Parteiflügel um Heinrich Laufenberg und Fritz Wolffheim. In Heidelberg wurden schließlich den überraschten Delegierten von der Zentrale „Leitsätze über kommunistische Grundsätze und Taktik“ zur Abstimmung vorgelegt. Sie betrafen vor allem die seit der Gründung der KPD strittigen Fragen der Haltung der Partei zum Parlamentarismus und den Gewerkschaften. Mit Hilfe der Leitsätze sollte die Partei auf die Position der Zentrale – welche damit auf dem Gründungsparteitag der KPD Anfang Januar 1919 in der Minderheit geblieben war – festgelegt werden: Auf die Beteiligung an Wahlen (die allerdings „als nur vorbereitende Mittel dem revolutionären Kampf unterzuordnen“ seien) und die Mitarbeit in den Gewerkschaften des ADGB anstelle des Aufbaus eigenständiger (kommunistischer) Gewerkschaften. Der letzte Passus der „Leitsätze“ lautete: „Mitglieder der KPD, die diese Anschauungen […] nicht teilen, haben aus der Partei auszuscheiden.“ Mallmann schreibt, dass nicht einmal Ernst Thälmann sich später einen derartigen Rigorismus im Durchgreifen erlaubt habe wie die KPD-Zentrale um den sich als Testamentsvollstrecker Luxemburgs fühlenden Paul Levi. Dieser habe in Heidelberg „das Modell für den künftigen Umgang mit der innerparteilichen Diskussion“ geschaffen....

 

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