Für ein Leben ohne Chefs!

Seit mehr als 200 Tagen leisten 94 ArbeiterInnen der Kazova-Textilfabrik in Istanbul Widerstand. Am 31. Januar 2013 wurden sie für eine Woche in unbezahlten Urlaub geschickt - danach fanden sie eine leergeräumte Fabrik vor. Da ihnen vier Monate lang kein Lohn gezahlt worden war, blieb nur der Kampf für die eigenen Rechte.

»Das ist ein Produkt des Kazova-Widerstandes!« - mit diesem Etikett versehen die ArbeiterInnen der besetzten Textilfabrik ihre selbstproduzierten Pullover. Am 31. August fand der Übergang von der Besetzungsphase in die Produktionsphase statt. Die Fabrik liegt nicht weit vom Taksim-Platz, in einer Gegend, wo sich die Produktionswerkstätten mehrerer Firmen befinden. Geschmückt ist die Fabrik mit Bannern: »Wir werden uns nicht von den Inhabern der Kazova-Textilfabrik, Ümit Somuncu und Mustafa Somuncu, ausbeuten lassen«.

»Modernisierung« treibt die Preise hoch

Meine InterviewpartnerInnen - die Arbeiterin Aysun Aydemir, die Arbeiter Dursun Ceylan und Bülent Ünal sowie der Anwalt Behiç Asç? - schildern den Kampf aus unterschiedlichen Perspektiven. Anfang Februar »kamen wir zurück vom unbezahlten Urlaub und fanden eine leergeräumte Fabrik vor«, erzählt Dursun Ceylan. Die Familie Somuncu, die Eigentümer der Textilfabrik, hatte sich mit den wertvollen Maschinen, 100.000 Pullovern und 40 Tonnen Rohmaterialien aus dem Staub gemacht. Damit hatten die ArbeiterInnen nicht gerechnet. Ceylan und Ünal erklären, warum sie mehrere Monate ohne Lohn gearbeitet hatten: Die Chefs hätten sie darum gebeten, in der finanziell schwierigen Phase der Fabrik weiterzuarbeiten, und versprochen, die Löhne später zu zahlen. Nun wurden sie auch noch auf die Straße gesetzt - und das bei den erschwerten Lebensbedingungen in Istanbul, wo die Lebenshaltungskosten bei gleichbleibenden Löhnen immer weiter steigen.

Einer der Gründe für die Gezi-Aufstände, der auch die Wut der ArbeiterInnen nährt, ist die vermeintliche Modernisierung vieler Stadtviertel durch die AKP-Regierung. Die überteuerten Preise im Bezirk um den Taksim-Platz verdrängen immer mehr Menschen aus dem sichtbaren Teil der Istanbuler Gesellschaft. Die »Schönen und Reichen« entwerten neben ihren Stadtvierteln jetzt auch den Wert ihrer Arbeit. Die neoliberale Wirtschaftspolitik hat die Umgestaltung jener Gegenden zum Ziel, in denen ArbeiterInnen wie die der Kazova-Textilfabrik wohnen. Diese Bezirke sollen für profitorientierte Unternehmen attraktiv gemacht werden.

Auf der einen Seite sind die Kazova-ArbeiterInnen gezwungen, mit den strukturellen Diskriminierungen aufgrund allgemeiner sozioökonomischer Entwicklungen umzugehen. Auf der anderen Seite erschweren ihnen die ausbleibenden Lohnzahlungen jetzt zusätzlich die Bewältigung des Alltags. Da sie ihre Mieten nicht mehr zahlen konnten, waren viele gezwungen, neue Jobs anzunehmen. Auf meine Frage, warum nur zwölf von 94 ArbeiterInnen an der Besetzung teilnehmen, antwortet Ceylan: »Es ist nicht einfach, 24 Stunden hier zu sein. Viele haben Familien und müssen auch weiterleben. Die ersten 20 Tage sind jeden Tag ca. 60 ArbeiterInnen gekommen und abends nach Hause gegangen. Eines Tages mussten wir dann feststellen, dass über Nacht auch noch die restlichen Waren herausgeschmuggelt worden waren«.

Nach dieser erneuten Niederlage beschloss ein Teil der ArbeiterInnen, Zelte vor der Fabrik aufzubauen, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Organisiert werden zudem seit dem 27. Februar wöchentliche Demonstrationen, und vor allem gibt es Bestrebungen, die Familie Somuncu ausfindig zu machen. Die EigentümerInnen jedoch sind wie vom Erdboden verschluckt. Dursun Ceylan: »Nachdem am 1. Mai stark interveniert wurde, wollten wir trotzdem mit unseren regulären Demonstrationen weitermachen und gingen am 4. Mai auf den Taksim-Platz. Wir wurden von der Polizei angegriffen. Weder wurden unsere Forderungen erhört noch gab es ein Zeichen von der Familie Somuncu. Dann haben wir beschlossen, dass wir besetzen.« Mit dem Aufruf »Wir - die ArbeiterInnen der Kazova-Textilfabrik - haben ab heute, dem 28. Juni, die Fabrik besetzt« verleihen sie ihren Forderungen Ausdruck.

Unterstützung durch die Protestbewegung

Nach dem Interview mit Dursun Ceylan zeigt mir Bülent Ünal die Produktionswerkstätte. »Hier kann man sehen, dass sie die Waren rausgeschmuggelt haben. Rohmaterialen sind hier nur noch ganz wenige und auch nicht in guter Qualität.« Die BesetzerInnen laufen permanent Gefahr, von der Polizei angegriffen zu werden; durch Straßenkameras stehen sie zudem unter ständiger Überwachung. »Eigentlich dachten wir, dass heute die Polizei kommt, deshalb haben wir die Maschinen abgedeckt.« Von mehreren Maschinen konnten drei repariert und in Betrieb genommen werden.

Nach der Räumung des Gezi-Parks etablierten sich zahlreiche Diskussionsforen. Die Kazova-ArbeiterInnen konnten diese als Plattform für sich nutzen. So fanden sie schnell zahlreiche UnterstützerInnen. Die beschädigten Pullover aus der leergeräumten Fabrik konnten sie in anderen Textilwerkstätten reparieren lassen und in den Foren für Soli-Beiträge verteilen. »Aus den Soli-Beiträgen von den Foren wollen wir die Kosten abdecken«, erklärt mir Ünal. Auf meine Frage, ob gezielte Forderungen an staatliche Behörden formuliert wurden, antwortet er: »Erst wollen wir die jetzige Phase überstehen und versuchen, die Maschinen an einen anderen Ort zu transportieren, um als Kooperative weitermachen zu können. Natürlich werden wir Forderungen stellen! Wir haben auch das Recht darauf. Wie der Staat Kredite an die Banken verteilen kann, wird er auch unsere Stimme wahrnehmen müssen. Der Staat arbeitet nur für die Chefs, aber eines Tages wird er auf unserer Seite sein. Das werden wir schaffen.«

Als nächstes treffe ich Aynur Aydemir. Während sie mit einem Kollegen in der Küche das Mittagessen vorbereitet, beschreibt sie, wie sie - neben ihrem Kampf als Arbeiterin - als Frau Widerstand im Widerstand leisten muss: »Für eine Frau ist es schwieriger. Aber es ist nicht unmöglich. Zu Hause und hier. Beides zu organisieren ist schwierig.« Aynur ist zu 28 Prozent als körperlich behindert eingestuft. Dies erschwert ihr zusätzlich die Arbeitssuche. Sie bekommt von den staatlichen Behörden keinen Behindertenstatus zugeschrieben. Erst ab einer körperlichen Behinderung von 45 Prozent würde sie diesen Status bekommen und damit das Recht auf staatliche Unterstützung. »Meine Kollegen,« sagt sie, »behandeln mich mit Respekt. Ich spüre keine ungerechte Behandlung. Der gemeinsame Widerstand schweißt zusammen.« Aber die Lage der Frauen bleibt schwierig: »Es gibt gesellschaftlichen Druck auf Frauen. Viele Frauen hier sind verheiratet, und die Ehemänner erlauben es ihnen nicht, an der Besetzung teilzunehmen, oder die Eltern.«

Aber die selbstorganisierte Produktion macht auch Mut: »Jetzt, wo ich sehe, dass wir selbst produzieren - das ist eine sehr große Freude. Da will man weitermachen. Wir werden die ersten in der Türkei sein. Wir wollen ein Leben ohne Chefs.« Auf meine Frage, wie die Gezi-Aufstände die Kazova-ArbeiterInnen beeinflusst haben, antwortet sie: »Die ersten Tage waren wir auch dort. Die Gezi-Proteste haben uns gestärkt. Viele Leute haben erst dort von uns gehört. Über die Foren konnten wir Menschen mobilisieren.«

Ein Beispiel zur Nachahmung

Zuletzt spreche ich mit dem Rechtsanwalt Behiç Asç?. Er ist nicht nur Anwalt, sondern auch Aktivist; 2006 protestierte er mit einem Hungerstreik gegen Hochsicherheitsgefängnisse. Behiç Asç? unterstützt die ArbeiterInnen juristisch. Er sagt: »Die Chefs werden von der AKP geschützt. Bis letztes Jahr wurden hier Pullover für Erdogan produziert. Die Chefs schmuggeln die Waren, und die ArbeiterInnen bekommen eine Anzeige wegen Diebstahl.« Auch reden wir darüber, welche Verbindung die Familie Somuncu zu einem bekannten Unternehmen in der Türkei besitzt, das einen enormen Teil der Medien kontrolliert. Zuvor schon hatte Aynur Aydemir darauf hingewiesen: »Auch die meisten Medien werden daran gehindert, über unseren Widerstand zu berichten.«

Die ArbeiterInnen versuchen auch auf juristischem Wege, ihr Recht einzufordern. Ihr Anwalt kritisiert, dass er Zivilrechtsprozesse führen muss, wo vordergründig nicht die ungerechte Behandlung der ArbeiterInnen thematisiert wird, sondern die Frage, wie viel das Unternehmen ihnen schuldet: »Es gibt kein Gesetz, das eine Freiheitsstrafe vorsieht, wenn ArbeitgeberInnen die Löhne nicht auszahlen. Wenn es so eine gesetzliche Regelung gäbe, würden die UnternehmerInnen die Löhne bezahlen und nicht Waren schmuggeln. Bis das gegenwärtige juristische Prozedere greift, wird es ca. zwei Jahre dauern. Deshalb ist der einzige Ausweg für die Kazova-ArbeiterInnen, dass sie sich als Kooperative organisieren und selbst produzieren.« Behiç Asç? meint, dass die Besetzung der Kazova-Textilfabrik langfristig die Rechte der ArbeiterInnen in der Türkei beeinflussen wird. Kurzfristig jedoch plädiert er für weitere Besetzungen: »Diese Besetzung zeigt nur eines: Wenn anderen ArbeiterInnen das Gleiche zustößt, sollten sie auch besetzen. Diese Art von Widerstand ist die einzige Lösung für die Rechte der ArbeiterInnen.« Damit bringt er auf den Punkt, was Aydemir, Ceylan und Ünal sagen: »Bei dem Kazova-Widerstand geht es um viel mehr, als nur Geld zu bekommen. Es ist ein Kampf für ein Leben in Würde.«

Am 28. September haben die Kazova-ArbeiterInnen eine Modenschau organisiert, die große Aufmerksamkeit erregte: »Die Modenschau als Methode des Kapitalismus war bisher nur großen Unternehmen vorbehalten. Wir definieren das jetzt um. Nicht Unternehmen werden jetzt ihre Waren vorstellen, sondern ArbeiterInnen, die sie selbst produziert haben.«

 

Webseite auf Türkisch http://kazovaiscileri.blogspot.co.at/
Kontakt: kazovaiscileri@gmail.com