Ohnmächtige Demokraten

Vom 20. auf den 21. August 1968 rollten Panzer der Warschauer Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei ein und beendeten gewaltsam ein von vielen Menschen mit Spannung verfolgtes Experiment – die Entwicklung hin zu einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Dieser vom damaligen KPChef Alexander Dub¢ek formulierte Slogan drückte aus, wofür die Reformbewegung von Studenten, Intellektuellen und Arbeitern stand: eine freie, demokratische und sozial gerechte Gesellschaft. Weltweit hat das Aufbegehren der Menschen in der Tschechoslowakei gegen das stalinistische Regime Aufsehen erregt. Unter dem Begriff „Prager Frühling“ ist es in die Geschichtsbücher eingegangen.
Stattgefunden hat der Prager Frühling während des „Kalten Krieges“ – der Blockkonfrontation zwischen den NATO-Staaten und denen des Warschauer Pakts – in einem Land, das zu jener Zeit zu den Feinden der „westlichen Welt“ gehörte. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Ereignisse damals mit großen Emotionen verfolgt worden sind. Während etwa für SED-Generalsekretär Walter Ulbricht die Entwicklung in der Tschechoslowakei einer „Konterrevolution“ gleich kam, weckten sie bei vielen Menschen in der DDR die Hoffnung auf eine Demokratisierung des „Ostblocks“. Von westlichen Regierungschefs wurde der Prager Frühling mit Begeisterung beobachtet. Aber auch für die weltweite ’68er-Bewegung stellte er eine Inspiration dar, wie etwa folgende Aussage der damaligen westdeutschen Aktivistin und späteren Bundestags- vizepräsidentin Antje Vollmer deutlich macht: „Der Prager Frühling und seine Exponenten waren uns – trotz aller eisernen Vorhänge – so nah und befreundet wie der Pariser Mai und die Studenten in Warschau und Rom.“

Im folgenden Beitrag soll untersucht werden, ob sich die zeitgenössische Emotionalität im westdeutschen Geschichtsbild niedergeschlagen hat.

 

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